Die farbigen Herbsttage lassen die Wälder glänzen und mit ihnen halten auch wieder die Genusswochen Einzug in die Turmwirtschaft.

Erfahren Sie in dieser Ausgabe der Lieschtler Turmpost spannende Hintergründe rund um die Baselbieter Kirschentradition, welche im Zentrum der diesjährigen Genusswochen steht.

Am 18. September – schönes Wetter vorausgesetzt (!) – werden wir Sie zudem mit unseren feinen Güggeli vom Grill verwöhnen. Mehr Infos dazu finden Sie auf der Startseite unserer Homepage.


Die Kirschen im Fokus - seit jeher auch in Liestal

Dass die Kirsche ausgerechnet bei der 10. Durchführung der Baselbieter Genusswochen zur Frucht des Jahres erwählt wurde, ist kein Zufall: Sie verbindet sich wie sonst kein Landesprodukt mit unserem Kanton. Zwar kommen in der Saison seit einiger Zeit auch Kirschen aus der Ostschweiz, aus Schwyz und Zug sowie auch aus der Romandie auf den inländischen Markt, doch mit einem Viertel an der Gesamtproduktion ist der Anteil der Kirschen, die aus dem Gebiet zwischen Jura und Rhein kommen, in Normaljahren mit 700 Tonnen weiterhin stattlich. (In diesem schwierigen Jahr 2022 lag die Ernte jedoch nur bei knapp 45 Prozent.)

«Kantönligeist» ist bei einer Vermarktung wenig sinnvoll, darum wurde die herrliche Frucht lange Zeit unter der Marke «Basler Kirschen» angeboten. Die geringste Menge lieferte schon immer der Stadtkanton aus den Streuobstfeldern von Riehen, wo in aller Regel auch immer die frühesten in den lokalen Handel kommen. Dann folgen je nach Sorte und Lage die Kirschen aus dem Baselbiet, dem aargauischen Fricktal und dem solothurnischen Schwarzbubenland und Leimental – zusammen machen diese Gebiete die Kirschenregion Nordwestschweiz aus.

Das Bild oben zeigt die offizielle Handelsetikette für echte «Basler Kirschen : Cerises de Bâle». 1930er Jahre. Druck: Trüb, Aarau. Sammlung Wunderlin.

Nicht bloss aus der Tatsache, dass ein Schwerpunkt bei den Aktivitäten der 10. Baselbieter Genusswochen Liestal ist, lohnt sich die Frage, welche Beziehungen sich zwischen der Kantonshauptstadt und der Kirsche benennen lassen. Ohne nun Vollständigkeit anzustreben, ist folgt hier einiges.

Wenn im Juni/Juli auf dem samstäglichen Genussmarkt und beispielsweise im «Milchhüsli» Liestaler Kirschen angeboten werden, dann wird uns wieder bewusst, dass um Liestal noch immer zahlreiche Kirschbäume stehen. Durch das Siedlungswachstum ist indes die Anzahl heute geringer. Auch die Klimaveränderungen sind eine mächtige Herausforderung und bedrohen unter anderem die manchen Gefahren schutzlos ausgesetzten Hochstammkulturen, die unsere Landschaft prägen.

Dass indes Wetteranomalien eine Ernte schmälern oder ganz ausfallen lassen, ist indes bei einer wärmeliebenden Kultur nichts Neues und wohl seit der Römerzeit ein Thema. So melden alte Chroniken immer wieder extreme Fehljahre. Allein schon eindrücklich die Nachricht eines Landwirts einer Unterbaselbieter Gemeinde, dass 1911 von vierzig tragenden Kirschbäumen so wenige Früchte zu ernten waren, dass es nicht einmal für eine einzige Wähe reichte.

Ein Referenzbaum im Weideli

Wie sich die jährlichen Klimaschwankungen am Kirschbaum zeigen, wird seit knapp 130 Jahren in Liestal beobachtet. Zu verdanken haben wir dies der Initiative von Eduard Heinis, eine für das Baselbiet in mehrfacher Hinsicht verdienstvolle Persönlichkeit. Der in Therwil 1850 geborene Sohn eines Bauern und Leinenwebers war nach dem naturwissenschaftlichen Studium an verschiedenen Universitäten zunächst Bezirkslehrer in Waldenburg, wo er als neues Fach «Obstbaumpflege» einführte. Als Baselbieter Sozialdemokrat der ersten Stunde war er 1894-96 der erste «rote» Regierungsrat im Kanton und gründete in dieser Zeit auch den Konsumverein Liestal. Vom Regierungsgebäude wechselte er in die kantonale Strafanstalt, die er von 1897 bis 1922 als Direktor leitete und dort auch eine Wetterstation betrieb!

Exakt zur Zeit seines Wechsels vom Lehrer zum Regierungsrat entschloss sich der Naturwissenschaftler, sich jedes Jahr den Blütebeginn eines wilden Kirschbaums beim «Weideli» in Liestal zu notieren. Ein möglicher Grund für den Entscheid, gerade diesen Baum an diesem Standort zu wählen, war sein Wohnsitz auf dem nahen Hofgut. Später übergab Eduard Heinis die Beobachtungsaufgabe seinem Sohn, Dr. Fritz Heinis, Lehrer, Botaniker und Phänologe, der ein aktives Mitglied der Naturforschenden Gesellschaft Baselland war. In deren Auftrag richtet nun die Liestaler Biologin Susanne Kaufmann-Strübin ein scharfes Auge auf den Referenzbaum: sie meldet sein Aufblühen für die Statistik auch Meteo Schweiz in Zürich.

Bildquelle: Blüte des Referenzkirschbaums im Weideli Liestal 1894-2022. Meteo Schweiz

Wie der Blattaustrieb einer Rosskastanie in Genf, der sogar seit 1808 beobachtet wird, bestätigt die phänologische Beobachtungsreihe des Liestaler Wildkirschbaums die Klimaerwärmung, setzt doch der Austrieb tendenziell immer früher ein. Der heute beobachtete Baum ist aus biologischen Gründen nicht mehr jener, den sich Eduard Heinis ausgesucht hatte. Dieser starb 1967 ab und seither ist ein Nachbar «zuständig» für die Datenlieferung. Obwohl die Beobachtung schon lange keine agronomische Bedeutung mehr hat, will man auch aus Tradition daran festhalten und hat vorgesorgt, dass es Nachfolger des jetzt bestehenden Referenzbaum gibt.

Der Zeitpunkt für das Aufblühen gibt verlässliche Hinweise auf Daten bei der kommenden Ernte: Jeweils rund 50 Tage dauert es bis zum Erntebeginn in Pratteln und etwa 23 Tage später ist die Erntespitze erreicht. Diese Angaben sind als Richtwerte nicht unwichtig für die Planung der Arbeitspläne bei der Ernte, des Zwischenhandels und der Anlieferung an die Verkaufsstellen.

In der Kirschensaison viel Hektik am Liestaler Bahnhof

Da es sich bei der Kirsche um ein rasch verderbliches Produkt handelt, durfte schon früher zwischen Ernte vom Baum und Verkauf im Laden keine unnötige Zeit verstreichen. Was am Morgen und bis in den frühen Nachmittag abgeerntet wird, füllt man gleich unter dem Baum in die bereitstehenden Gebinde. Das Erntegut wird dann in eine Annahmestelle geführt, die dann für den Weitertransport an den Handel besorgt ist und auch mit dem Produzenten abrechnet.

Bildquelle: Nur noch im Bild vorhanden: die Gebäude der Obstverwertung AG Liestal (OVL) respektive der Weinhandlung und Brennerei von Hans Straumann am Bahnhof. Längst verblichen war schon das Sgrafitto mit einer Weinbauszene und der Name des Künstlers trotz Nachfragen nicht mit Sicherheit bekannt. Die Gebäude machten 2007 dem Geschäftshaus UNO Platz (eröffnet 2011). Foto D. Wunderlin, 2005.

Im Bereich des einstigen Güterbahnhofs konnte man früher diese Anlieferung und die Weiterspedition in der Kirschensaison an jedem Nachmittag und stets bis nach Sonnenuntergang beobachten, falls nicht ein Regen einen unwillkommenen Ernteunterbruch verursachte. Wie bei jeder Annahmestelle unserer Region ging es in diesen Wochen von Juni und Juli auch bei der Obstverwertung AG (OVL), Liestal meistens hektisch zu und her. Und ebenso lief der Betrieb bei den anderen Handelsbetrieben in der Nachbarschaft. Der Verfasser erinnert sich, wie er in den frühen 1960er Jahren als Halbwüchsiger beobachten konnte, wenn an schönen Sommertagen Lastwagen, Traktoren mit Brückenwagen und Fuhrwerke aus der Umgebung an der Rampe vorfuhren. Ein Kontrolleur beurteilte die Ware, es wurde gewogen, etikettiert, und Protokolle, Formulare, Lieferscheine wurden ausgefüllt und dann wurden die Spankörbe mit den glänzenden Früchten in die Güterwagen verladen. Dies erlebten wir noch kurz vor der Umstellung auf neue Gebinde (einschliesslich der 1-kg-Obstkarton). Der Grund für den Systemwechsel war die Einführung der Euro-Palette durch die SBB im Sommer 1961. Da die Umstellung nicht schlagartig erfolgt war, sah ich noch, wie mit viel Handarbeit und kräftigen Armen die Spankörbe mit jeweils 10 kg Kirschen in den Eisenbahnwagen gestapelt wurden. Die an sich praktischen Henkel verhinderten ein platzsparendes Stapeln, es musste kreuzweise geschehen, und zu viele Lagen waren auch nicht gestattet, da sonst die untersten Körbchen einbrechen konnten.

Die süsse Fracht wurde dann nachts in die ganze Schweiz ausgeliefert. Am Morgen danach war sie in den Geschäften des ganzen Mittellandes und in den Alpentälern bereit zum Frischverkauf. Ein kleiner Teil der Baselbieter Kirschen machte auch einen weiten Weg: Die OVL und sicher auch andere Obsthandelsfirmen der Region lieferten nämlich regelmässig auch nach Holland, was bei mir damals nicht geringes Erstaunen ausgelöst hatte. Für andere Ware war der Weg in der Annahmestelle bereits beendet, falls dort auch ein Brennhafen stand: Sie landete im Fass und wurde später zu Kirsch destilliert.

Bildquelle: Alte Kirschetikette für den kleineren Brennereibetrieb. Um 1910.

Damals kamen aus dem Baselbiet und dem nahen Schwarzbubenland in guten Jahren fünf bis sechs Millionen Kilogramm Tafelkirschen in den Handel. Angesichts der damaligen Situation, dass der grösste Teil von Hochstammbäumen geholt werden musste, betrug der Arbeitsaufwand rund 100’000 Arbeitstage oder pro Betrieb durchschnittlich 50 bis 100 Arbeitstage pro Erntesaison.

Aus dem Libanon zum Bad Schauenburg

Vor allem einer älteren Generation ist noch bekannt, dass es eine ganze Reihe von alten Sorten gab. Man wusste, dass jede Kirsche zwar ihre Qualitäten hat, aber dass sich nicht alles zur Tafelkirsche eignet sondern für Konserven oder für Schnaps. Auch der Bäuerin und auch mancher städtischen Hausfrau (oder ihrer Köchin) war die Kenntnis wichtig, je nach Gericht und Verarbeitung eine bestimmte Sorte zu gebrauchen. Da unterschied man beispielsweise zwischen Basler Adler und Langstieler, Brauner Herzkirsche und Rosmarin. Viele weitere Sorten, manche sogar Züchtungen des 18. Jahrhunderts, waren typische Lokalsorten, von denen man heute oft nur noch wenige Bäume kennt und deren Früchte nur in der lokalen Direktvermarktung gekauft werden können.

Eine Sorte, die bis vor wenigen Jahren buchstäblich «in (fast) aller Munde war, ist die Sorte «Schauenburger». Sie gehört zu den wenigen Sorten, über deren Vergangenheit etwas mehr bekannt ist. Sie war bis zum durchschlagenden Erfolg der Niederstamm-Kirschplantagen die wichtigste Tafelkirschensorte der Schweiz und dank ihrer späten Reife (7.-8. Kirschenwoche, d. h. Mitte bis Ende Juli) konkurrenzlos.

Bildquelle: Schauenburger, die alte Baselbieter Hauptsorte. Bild: zvg.

Lange rätselte man über ihre Herkunft und vermutete Frankreich als Urheimat. Das Rätsel löste Pfarrer Philipp Alder aus Ziefen, der oben im Rebberg einen «Schauenburger» stehen hatte. Auf einer Reise in den Libanon im Jahre 1974 wollte es aber der Zufall, dass seine Frau beim Nachtessen in Beirut merkte, dass die aufgetischten Kirschen der heimischen «Schauenburger» optisch, im Fleisch und auch geschmacklich vollständig entsprachen. In der Folge erfuhr das Pfarrerehepaar, dass diese Kirsche die bedeutendste und beliebteste Sorte im Libanon ist – gleich wie die «Schauenburger» im Baselbiet, die man damals auch «Flurianer» nannte.

Die weiteren Recherchen ergaben rasch, wie alles gekommen war: Um 1900 brachte der Hotelier Emil Flury Edelreiser von einer Reise in den Libanon zurück ins Baselbiet. Hier wurden sie an der Zufahrtstrasse zu seinem Kurhaus Bad Schauenburg auf einen Wildling aufgepfropft. Nach wenigen Jahren sah man, dass der Import aus dem Nahen Osten hervorragende Früchte brachte. Emil Flury war indes bereits weggezogen, verbittert durch ungerechte Gerichtsurteile trat er ins Kartäuserkloster Valsainte im Kanton Freiburg, und übergab das Solbad Schauenburg seinem Neffen. Erst um 1920 begann dann allmählich die Ausbreitung der Sorte in andere Baumgärten des Kantons. Der Name des Urhebers und die eigentliche Herkunft der Sorte waren bereits vergessen, der Erfolg indes nun unaufhaltsam und setzte sich in den Nachbarkantonen fort.

Als die «Schauenburger» noch ihre grosse Bedeutung im Erwerbsanbau besassen, errichtete die Vereinigung der Obstproduzenten Baselland» 1985 am Ort des ersten Baumes ein kleines Denkmal und pflanzte einen Gedenkbaum, denn der Mutterbaum war wohl in den 1970er Jahren der Axt zum Opfer gefallen.

Eine weitere Ehre erfuhr die «Schauenburger» im Jahre 2016: «Fructus – Vereinigung zur Förderung alter Obstorten» wurde zur Schweizer Obstsorte des Jahres erklärt. Damit wurde einmal ein Zeichen gesetzt für die Hochstamm-Sorte, die wie andere alte Obstorten wertvolles Erbgut enthalten und Grundlage für die Züchtung neuer Sorten ist.  Mit anderen Worten: keine neuen Früchte ohne alte Sorten!

Dass indes nur ein Jahr später der Schweizerische Obstverband dem Handel bloss noch die Annahme von Kirschen mit mindestens 22 mm Durchmesser empfahl (siehe oben), ist hiesige Realität an der Kirschenfront – und bestimmt unverständlich im Herkunftsland Libanon!

Chirsipfäffer für den Gaumen und auf die Ohren

Ein feiner «Chirsipfäffer» (auch «Chirsiprägel» genannt) gab es auch früher nicht nur während der Kirschensaison, dann allerdings manchmal schon um Frühstück. Wie man Kirschen konservieren konnte, ist altes Wissen. Besonders wichtig war früher etwas Vorrat, wenn das Jahr sich seinem Ende Jahr zuneigte, denn in jeder Familie, die Kirschbäume besass, musste in der Heiligen Nacht ein «Chirsipfäffer» auf den Tisch kommen. In einer Zeit des Übergangs Kirschen geniessen, hatte eine magische Bedeutung und eine stille Bitte für ein gutes Kirschjahr sein.

Bildquelle: Das Baselbieter «Cabaret Chirsipfäffer» verbuchte auch ausserhalb des Baselbiets einigen Erfolg auf Kleinkunstbühnen. Plattenhülle zum Programm «Freiheiterkeit», gestaltet von Jürgen von Tomëi, 1970. Sammlung Wunderlin.

Vor allem «pfäfferig» wollte ein Baselbieter Kleinkunstensemble sein, das sich unter dem Namen «Cabaret Chirsipfäffer» 1963 um Max Jäggi, Bernhard Baumgartner und Pius Kölliker bildete. Mit vorwiegend «politisch engagierten Nummern» prangerten sie «teilweise auf jeglichen Humor verzichtend demokratische Unzulänglichkeiten kompromisslos» an und hatten damit bis zur Auflösung um 1971 auch über die Kantonsgrenzen hinaus Erfolg. Für den Füllinsdörfer Bernhard Baumgartner (1939-2003), der bei Lüdin AG Schriftsetzer gelernt und dort auch nachher noch jahrelang gearbeitet hatte, löste das Wirken auf der Kleintheaterbühne einen Karrieresprung aus: Man sah und hörte ihn nachfolgend in zahlreichen Sendungen am Schweizer Fernsehen und moderierte beim Schweizer Radio auch das montägliche «Wunschkonzert». Liestaler Fasnächtlern in Erinnerung ist er auch langjähriger Regisseur des fasnächtlichen «Rotstab-Cabarets.

 

Text & Redaktion: Dominik Wunderlin, Vorstand Liestal Tourismus
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